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Harald Schwiers im kunstportal-bw 2018

Harald Schwiers im kunstportal-bw

Schmökern mit Schwiers

Liebe in Lücken

Das Mittelalter liegt ziemlich lange zurück. Grob kann man 700 Jahre plus/minus ansetzen. So genau kommt es nicht darauf an. Die deutsche Sprache war damals noch recht weit weg von der unsrigen. Einen Leitfaden für Rechtschreibung, also eine Institution wie den Duden, gab es nicht. Wer schreiben konnte (und das waren nur äußerst wenige), tat dies nach eigenem Gutdünken. Die eine oder der andere wird sich noch an ein paar Schulbuchzeilen, etwa von Walther von der Vogelweide (dem möglicherweise ersten „Berufsdichter“ in deutschen Gefilden), erinnern. Vermutlich mit leichtem Grausen.

Harald Schwiers im kunstportal-bw

Tristan Marquardt/Jan Wagner (Hrsg.), Unmögliche Liebe, Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen

Aber: Die deutschsprachige Literatur wäre völlig undenkbar ohne die Werke der Dichter und Sänger jener Zeit, egal ob Walther, Dietmar von Aist, Frauenlob, Hartmann von Aue, Konrad von Würzburg, Neidhardt, Wolfram von Eschenbach oder Tannhäuser. Um nur ein paar bekannte Namen zu nennen. Dazu gibt es eine Reihe, nur Mediävisten bekannte Autoren, die - meist im Süden - Literatur schufen.
Tristan Marquardt und Jan Wagner, beide bekannte Lyriker (Wagner 2017 mit dem Büchner-Preis geehrt) luden für ihr Projekt „Unmögliche Liebe“ zahlreiche zeitgenössische Dichter ein, mittelalterliche Texte zu übertragen und ihnen gegebenenfalls eine neue, zeitgemäße Form zu geben. Mit mehr als bemerkenswerten Ergebnissen. Sie bieten im Vergleich mit den Originalen aufregende Lese-Erlebnisse und offenbaren, dass heute noch Spannung in der Liebe, dem beherrschenden literarischen Thema der Ära, in der Lücke, im Weglassen des Wesentlichen entsteht. Im Kopf des Lesers (oder bei Sängern wie Walther auch des Hörers) spielt sich das Entscheidende, die eigentliche Erotik ab. Viel hat sich nicht geändert. Warum auch?

Ein großartiges Lesebuch für viele vergnügliche Stunden.

Tristan Marquardt/Jan Wagner (Hrsg.), Unmögliche Liebe, Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen, zweisprachig, Hanser, 304 S., 32 Euro.

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